Vom Leben im Elfenbeinturm, der inneren und äußeren Zensur und dem Mund-Aufmachen
Oder: Warum deutschsprachige Autor:innen zu Einladungen gegen die AfD laut zu werden eilen, aber angesichts von Völkermord plötzlich die Stifte fallen lassen und verstummen
Stell dir vor, du sitzt in einem gemütlichen Café. Um dich herum Menschen, die Bücher schreiben, lesen, lieben. Es riecht nach Papier und frisch geröstetem Kaffee. Eine Diskussion entbrennt, es geht um die politische Lage. Eine Autorin sagt: „Wir müssen uns gegen Rassismus positionieren!“ Alle nicken. Ein Autor sagt, dass die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich ihn besorgt. Wieder nicken alle. Dann sagt jemand leise: „Und was ist mit Gaza und dem Libanon?“ Plötzlich wird es still. Jemand räuspert sich. Eine andere schaut in ihr Smartphone. Das Gespräch kippt, jemand bestellt einen zweiten Kaffee, das Thema wechselt zur Frage Verlag oder Selfpublishing, Buchmessen und Lesungen. Der Elefant im Raum – nein, die Elefantenherde – wird höflich mit stillem Einverständnis ignoriert.
Dieser kleine, erfundene, leider erschreckend realitätsnahe Moment ist der Ausgangspunkt meines heutigen Artikels. Es geht mir um das Schweigen der deutschsprachigen Literaturszene zu unbequemen gesellschaftlichen Themen. Um das bemerkenswerte Phänomen, dass Menschen, die vom Schreiben leben (wollen), die sich täglich mit Sprache, mit Bedeutung, mit Wahrheit und Fiktion beschäftigen, oft die klügsten, eloquentesten und zugleich stillsten Wesen sind, wenn es um die wirklich brennenden politischen Fragen unserer Zeit geht.
Vergleichen wir das kurz mit anderen Bereichen. In der Musikbranche – zumindest in Teilen – wird laut gesungen über Ungerechtigkeit, über Rassismus, über Polizeigewalt, gegen Völkermord. Ja, Hip-Hop war schon immer politisch, Punk sowieso, und selbst im Pop wird es zunehmend schwieriger, sich komplett rauszuhalten. Oder schauen wir ins Ausland: Schauspieler:innen in den USA oder in Frankreich nutzen ihre Plattformen, um sich zu Krieg, Klima, sozialen Fragen zu äußern – manchmal klug, manchmal weniger klug, aber sie tun es. In Deutschland? Das große Schweigen. Zumindest unter den Autor:innen. Zumindest gilt das für die überwiegende Mehrheit und für die wirklich heißen Eisen – die Themen, die den Herrschenden tatsächlich Schmerzen bereiten.
Nur bei einem Thema scheint die politische Mobilisierung der Literaturszene plötzlich zu funktionieren: bei Protesten gegen die AfD. Da sind dann alle da. Da werden Aufrufe verbreitet, Lesungen organisiert, offene Briefe verfasst. Stolz werden Bilder von der Demo auf Instagram geteilt und laut „Nie wieder!“ gerufen.
Das ist gut und richtig – keine Frage. Aber es ist auch bequem. Denn sich gegen die AfD positionieren heißt, sich auf die Seite des bürgerlichen Mainstreams zu stellen, heißt Applaus von der richtigen Seite zu bekommen, heißt sich als »eine:r von den Guten« fühlen zu dürfen, ohne allzu viel riskieren zu müssen. Die eigentlichen Tabus jedoch – Rassismus im eigenen Land, die steigenden Gegensätze zwischen Arm und Reich, die Fortschreibung neokolonialer Strukturen, die alltägliche hausgemachte Frauenfeindlichkeit, und vor allem der Völkermord in Gaza, dem Westjordanland und Libanon und die Apartheid in Israel – diese Themen sind entweder ganz verschwunden oder werden in einer Sprache verhandelt, die so abstrakt, so vorsichtig, so akademisch ist, dass niemand mehr genau weiß, wer eigentlich gemeint ist. Wenn diese Verbrechen nicht gleich ganz vom Tisch gewischt werden.
Ich könnte jetzt noch kurz anmerken, dass sich die AfD und Israel sehr gut verstehen, was die eine oder den anderen noch überraschen mag, historisch betrachtet aber sehr einleuchtend ist. Auch die Nazis und die Zionist:innen ihrer Zeit haben gut zusammengearbeitet, wenn es darauf ankam.
Warum verhalten sich die deutschsprachigen Autor:innen so? Was sind die Widersprüche, die hier am Werk sind? Und vor allem: Was könnten wir dagegen tun, ohne uns in Selbstgerechtigkeit oder Hilflosigkeit zu verlieren? Ich lade dich ein, zusammen mit mir darüber nachzudenken – kritisch, lösungsorientiert und mit einem kleinen Zwinkern dann und wann, denn zu ernst sollten wir uns auch nicht nehmen. Nur ernst genug.
Die Anatomie des Schweigens: Was hält Autor:innen eigentlich davon ab, den Mund aufzumachen?
Fangen wir mit einer unbequemen Wahrheit an: Die meisten deutschsprachigen Autor:innen sind nicht unpolitisch. Sie haben Meinungen. Sie haben Positionen. In privaten Runden, bei Buchmessen hinter vorgehaltener Hand, in versteckten WhatsApp- oder Facebook-Gruppen und bei Stammtischen wird durchaus heftig diskutiert. Das Problem ist nicht die fehlende Haltung. Das Problem ist die fehlende öffentliche Haltung. Was also sind die Mechanismen, die dieses private Engagement in öffentliches Schweigen verwandeln?
Da wäre zunächst einmal das Bild vom Leben und Schreiben im Elfenbeinturm – dieses wunderbare, verhasste, romantisierte Bild der Literatur, das sich nicht „einmischen“ soll. Es gibt eine alte, hartnäckige Vorstellung, dass Literatur – und jede andere Kunst – jenseits von Politik zu stehen habe, dass der wahre Autor, die wahre Autorin über den Dingen schwebe, zeitlos, universal, erhaben. „Kunst um der Kunst willen“, „Schreiben ist rein ästhetisch“, „Wir sind keine Politiker:innen, wir sind Autor:innen“. Das klingt auf den ersten Blick vielleicht für manche edel, ist aber in den allermeisten Fällen schlicht eine Ausrede. Denn dieselben Autor:innen, die sich gegen jede politische Stellungnahme verwahren, finden plötzlich sehr wohl ihre Stimme, wenn es um Verlagsvorschüsse, um Fehlfunktionen bei Amazon, um Steuerfragen oder um die Teilnahme an einer Buchmesse geht. Dann ist die Politik plötzlich nicht mehr so fern. Die wahre Haltung ist weniger ästhetisch, als sie vorgibt zu sein.
Dann gibt es die äußere Zensur – nicht nur die offene, staatlich verordnete, die es in Deutschland zu allem, was sich um Palästina dreht, gibt, die sich in Verhaftungen, Misshandlungen und Verurteilungen oder Sanktionierungen ausdrückt. Es gibt auch die sanfte, schleichende, institutionelle Zensur. Wer sich zu sehr aus dem Fenster lehnt, muss mit Konsequenzen rechnen. Verlage können einen fallen lassen. Förderungen können ausbleiben. Einladungen zu Literaturfestivals oder Buchmessen können versiegen. Buchpreise werden aberkannt oder gar nicht erst vergeben. Die Feuilleton-Redakteur:innen rufen nicht mehr an. Die Blogger:innen gehen auf Abstand. Das ist keine offene Diktatur, das ist ein Markt, der Stimmung macht. Ein sehr kleiner, sehr vernetzter Markt, in dem Beziehungen und Reputation alles sind. Und in diesem Markt ist es nun einmal so, dass bestimmte Positionen als „zu radikal“, „zu einseitig“, „zu antisemitisch“ (ein Vorwurf, der in der aktuellen Debatte um Israel das Totschlägerargument schlechthin geworden ist) gelten. Die Androhung von Sanktionen muss gar nicht ausgesprochen werden. Es reicht, dass alle wissen, dass es sie geben könnte. Das nennt sich vorauseilender Gehorsam. Und der ist gerade in Deutschland und Österreich tief, wenn oft auch unbewusst, verankert.
Besonders pikant ist dabei die Rolle der öffentlich-rechtlichen Sender – egal ob ORF, ARD, ZDF oder kleinere Institutionen. Nicht nur die Propaganda, die sie als Nachrichten verkaufen. Wer dort in eine Talkshow eingeladen wird oder eine kleine Dokumentation bekommt, der hat es in mancher Hinsicht geschafft. Aber wer auf der schwarzen Liste steht – oder befürchtet, auf sie zu geraten – der wird dreimal überlegen, bevor er oder sie etwas Kontroverses sagt. Die Mechanismen sind subtil, aber wirksam. Ein kritischer Tweet zur Lage in Gaza? Vielleicht besser nicht. Eine Unterschrift unter einen offenen Brief, der Israel als Apartheidstaat bezeichnet? Das könnte der Karriere schaden. Also wird geschwiegen. Oder so vage formuliert, so ausgewogen, so „differenziert“, dass am Ende niemand mehr weiß, worum es eigentlich ging, weil nur eine inhaltsleere Hülse übrig geblieben ist.
Innere Zensur und der vorauseilende Gehorsam – die schlimmsten Feinde sitzen im eigenen Kopf
Die äußeren Mechanismen sind nur die eine Seite der Medaille. Die andere Seite ist die innere Zensur. Und hier wird es richtig unangenehm, denn hier geht es nicht um Verlage oder Sender, sondern um uns selbst. Um die Stimme in unserem Kopf, die flüstert: „Vielleicht wäre es besser, nichts zu sagen. Was, wenn du dich unbeliebt machst? Was, wenn deine Leser:innen dich falsch verstehen? Was, wenn du die falschen Worte wählst? Was, wenn du von deinen Kolleg:innen geächtet wirst? Du bist doch nur eine Autorin, kein Nahost-Experte, keine Menschen- oder Völkerrechtsanwältin. Halt dich da raus.“
Diese innere Zensur ist in ihrer Wirkung oft schlimmer als jede äußere. Denn sie ist allgegenwärtig, sie schläft nie, sie kennt alle deine Schwachstellen. Sie speist sich aus deinen Ängsten: der Angst vor Zurückweisung, der Angst vor Fehlern, der Angst vor Konflikten, der Angst vor dem Verlust der eigenen kleinen oder großen, mühsam aufgebauten Position. Wer einmal erlebt hat, wie ein falscher Satz in den sozialen Medien tausendfach geteilt und geächtet wird, versteht schnell, warum viele lieber schweigen. Die Cancel Culture ist real – nicht in der Weise, wie rechte Populist:innen sie behaupten, aber als persönliche Erfahrung von Menschen, die sich zu weit vorgewagt haben und sich offen auf die Seite der Unterdrückten gestellt haben.
Diese innere Zensur führt in einen Teufelskreis. Je mehr schweigen, desto unsicherer werden die, die vielleicht etwas sagen würden. Desto größer wird der soziale Druck, sich anzupassen. Desto enger wird der Korridor dessen, was als „sagbar“ gilt. Und am Ende bleiben nur noch diejenigen übrig, die entweder nichts zu verlieren haben – oder so privilegiert sind, dass es ihnen egal sein kann. Der Rest schweigt oder stimmt ein in die staatlich verordnete Realitätsverweigerung und Unrechtsrechtfertigung.
Und dann ist da noch der vorauseilende Gehorsam, dieses wunderbar deutsch-österreichische Phänomen, das ich schon kurz angesprochen habe. Wir kennen es aus der Bürokratie, wo Anträge schon deshalb nicht gestellt werden, weil sie ja abgelehnt werden könnten. Bei Autor:innen funktioniert es ähnlich. Du schreibst keinen kritischen Text über Rassismus in Verlagen, weil du fürchtest, dann keine Aufträge mehr zu bekommen. Du unterlässt einen Facebook-Post zur Lage in Gaza, weil du fürchtest, von einer israelischen Lobbyorganisation auf eine schwarze Antisemitismus-Liste gesetzt zu werden. Du lädst nicht zu einer Lesung über Feminismus und Kolonialismus ein, weil du fürchtest, das Publikum könnte sich unwohl fühlen und du selbst könntest dich Angriffen aussetzen. Das alles, ohne dass irgendjemand konkret gedroht hätte. Der Gehorsam ist vorauseilend – und damit umso wirksamer.
Die Verantwortung der Plattform – oder: Warum Schweigen auch eine Aussage ist
Kommen wir zu einem Punkt, den viele nicht hören wollen: Wer eine Plattform hat, trägt Verantwortung. Das klingt abgedroschen, ist aber wahr. Eine Autorin oder ein Autor mit einem großen Verlag, mit Lesungen im Literaturhaus, mit regelmäßigen Feuilletonbeiträgen, eine erfolgreiche Selfpublishing-Autorin, die mit ihren Büchern Hunderttausende Euro verdient, mit zehntausend Newsletter-Abonnent:innen und Hunderttausenden Followern auf Instagram oder TikTok – diese Person hat etwas, das andere nicht haben: Sichtbarkeit, Reichweite und Einfluss, die Möglichkeit, gehört zu werden. Und mit dieser Möglichkeit kommt Verantwortung und die Frage: Was mache ich aus meinen Möglichkeiten?
Ich könnte jetzt dazu aufrufen, dass jede:r täglich politische Statements verfassen solle – darum geht es mir aber gar nicht. Es gibt gute Gründe, nicht zu jedem Thema etwas zu sagen – fehlende Expertise, emotionale Überforderung, die schiere Menge an Krisen, die einen lähmt. Aber es gibt einen Unterschied zwischen „Ich kann nicht zu allem etwas sagen“ und „Ich sage zu nichts etwas, was unangenehm sein könnte“. Und genau diesen Unterschied müssen wir benennen und uns dabei in den Spiegel schauen.
Denn Schweigen ist auch eine Aussage. Wer schweigt, während andere angegriffen werden, positioniert sich – nur eben gegen die Angegriffenen. Wer schweigt, während über Völkermord diskutiert wird (als gäbe es da noch etwas zu diskutieren), macht sich mitschuldig. Wer schweigt, weil die eigene Karriere wichtiger ist als das eigene Gewissen, der oder die sollte zumindest ehrlich genug sein, das zuzugeben. Das mag hart klingen, aber es ist die Wahrheit – und jahrelang bombardiert, gefoltert, vergewaltigt und vertrieben zu werden – und das vor den Augen der Welt – ist wesentlich härter.
Gleichzeitig erkenne ich an, dass die Situation für viele Autor:innen nicht einfach ist. Wer mit einem kleinen Verlag arbeitet, der jeden einzelnen Titel querfinanzieren muss, kann nicht einfach alles sagen. Wer von Stipendien oder Förderungen lebt, die von Gremien vergeben werden, die möglicherweise nicht erfreut sind über allzu laute Töne, der oder die wird zögern. Wer noch am Anfang der Karriere steht und um jede Rezension, jede Einladung kämpft, der oder die hat vielleicht wirklich nichts zu verschenken. Diese Abhängigkeiten sind real. Sie pauschal zu ignorieren wäre unfair. Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral, um mit Bert Brecht zu sprechen.
Aber diese Abhängigkeiten sind nicht absolut. Du hast immer einen Spielraum. Die Frage ist, ob und wie du ihn nutzt und ob du bereit bist, die Konsequenzen deines Handelns zu tragen. Die Geschichte der Literatur ist voll von Beispielen, in denen Autor:innen ihre Karrieren und auch ihr Leben riskiert haben, weil sie sich gegen Unrecht und für Solidarität eingesetzt haben. Manchmal haben sie gewonnen, manchmal verloren. Aber sie haben sich nicht weggeduckt vor Wahrheit und Verantwortung. Sie haben geschrieben, gesprochen, angeklagt. Vielleicht ist das eine Zumutung. Vielleicht ist es aber auch einfach der Beruf. Wer die Welt mit Worten verändert, muss auch bereit sein, für diese Worte geradezustehen – auch, wenn das vielleicht heißt, dass die eigenen Bücher verbrannt und du selbst geächtet wirst.
Die Rolle der Autor:innenverbände – Potenzial und Versagen
Ein Kapitel, das bei gesellschaftlichen Fragen oft übersehen wird, sind die Autor:innenverbände. Der PEN, der VS, der Selfpublisher-Verband, die diversen Landesverbände, die freien Gruppen – sie alle wurden einst gegründet, um Autor:innen zu vertreten, für ihre Rechte zu kämpfen, Netzwerke zu schaffen. Und sie haben in der Vergangenheit durchaus Mut gezeigt, etwa beim Einsatz für verfolgte Kolleg:innen im Ausland.
Aber in den aktuellen innenpolitischen Fragen? Schweigen. Zumindest weitgehend. Der deutsche PEN etwa hat sich in der Vergangenheit immer wieder hervorgetan durch erbitterte interne Grabenkämpfe über die Frage, wie weit gegangen werden darf. Das Ergebnis ist oft ein kleinteiliger, vorsichtiger, von Kompromissen durchsetzter Konsens, der niemanden wirklich glücklich macht. Beim VS – der Gewerkschaft der Autor:innen – ist es ähnlich. Da wird tapfer für bessere Honorare und Alterssicherung und gegen die »Künstliche Intelligenz« genannten Textmaschinen gekämpft, aber politische Positionierungen zu Rassismus, Kolonialismus oder Gaza? Fehlanzeige. Oder wenn sie kommen, dann so spät, so allgemein, so sehr bemüht, beide Seiten zu berücksichtigen, dass sie schon vergessen sind, bevor die „Botschaft“ überhaupt ankam.
Dabei hätten diese Verbände enormes Potenzial. Sie sind die einzigen Institutionen, die Autor:innen kollektiv vertreten. Sie könnten Schutz bieten für jene, die sich öffentlich äußern und dafür angegriffen werden. Sie könnten Richtlinien entwickeln, wie mit politischen Positionierungen umzugehen ist. Sie könnten Schulungen anbieten, wie wir klug und sicher kommunizieren bei den heißen, umstrittenen Themen. Sie könnten eine Anlaufstelle sein für Autor:innen, die unter Druck geraten. Stattdessen tun sie meist das, was alle tun: schweigen, abwarten, nichts riskieren und die Reihen geschlossen halten.
Das ist keine pauschale Verdammung. Es gibt mutige Einzelpersonen innerhalb dieser Verbände. Es gibt Ausschüsse, die sich bemühen. Es gibt lokale Gruppen, die sich engagieren. Aber die großen Dachverbände – sie bleiben hinter ihren Möglichkeiten zurück. Und das ist ein Problem für uns, denn so lange wir keine starke kollektive Vertretung haben, bleiben wir auf uns allein gestellt. Und allein sind wir leise und können nur wenig bewirken.
Was bräuchte es stattdessen? Einen Verband, der nicht nur für die materielle, sondern auch für die politische Existenz seiner Mitglieder kämpft. Einen Verband, der klare Kriterien hat, wann und wie er sich äußert – und sich auch äußert, wenn es wehtut. Einen Verband, der eine Solidargemeinschaft ist, in der wir uns gegenseitig unterstützen, wenn Hetzkampagnen kommen. Ist das angesichts der aktuellen Lage ein realistisches Ziel?
Das schaffen wir sicher nicht bis morgen. Aber es ist ein wichtiges Ziel und gibt uns eine Richtung vor, in die wir gehen können – einzeln und zusammen.
Was tun? Praktische Schritte zu mehr Rückgrat und ehrlicher Haltung
Nach all der Kritik will ich hier nicht stehen bleiben. Also: Was können wir konkret tun, um aus dem Schweigen auszubrechen?
Das hängt, wie so oft, von der Ausgangssituation ab.
Für die ganz Etablierten, die schon alles erreicht haben, gilt: Ihr habt nichts mehr zu verlieren, außer eurer Bequemlichkeit. Also bitte – nutzt eure Plattform. Jetzt! Schreibt die offenen Briefe, haltet die Reden, geht auf die Demos.
Auch wenn ihr Gegenwind bekommen solltet, seid ihr bestens aufgestellt, um damit umzugehen.
Ihr habt die Möglichkeit, etwas zu bewegen. Also bewegt.
Für diejenigen in der Mitte, die schon etwas erreicht haben, aber noch nicht unangreifbar sind, gilt: Suche dir Verbündete. Allein sind wir verletzlich, zu zweit schon weniger, im Kollektiv kaum noch. Bildet kleine Gruppen, in denen ihr euch abstimmt, gegenseitig lektoriert, unterstützt. Wenn mehrere Autor:innen denselben offenen Brief unterschreiben, ist das Risiko für jede:n Einzelne:n geringer. Wenn ihr gemeinsam auftretet, seid ihr lauter. Und wenn doch eine oder einer angegriffen wird, springen die anderen ein.
Für diejenigen am Anfang, die noch keine Plattform haben, aber vielleicht eine aufbauen wollen, gilt: Fangt klein an. Ihr müsst nicht gleich den großen Paukenschlag landen. Eine kleine Lesung in einem Nachbarschaftszentrum, ein Post bei Instagram, ein Leserbrief in der Lokalzeitung. Das sind keine Weltenbeweger, aber sie sind praktische Übungen. Und Übung macht den Meister, die Meisterin. Wichtig ist nur: Fang an. Nicht irgendwann, nicht nach dem nächsten Buch, nicht wenn die Kinder größer sind. Fang jetzt an. Auch kleine Schritte sind Schritte zum Ziel.
Für alle gilt: Bildet euch weiter. Viele schweigen, weil sie Angst haben, etwas Falsches zu sagen – und weil sie vielleicht tatsächlich nicht genug wissen. Das lässt sich ändern. Lest Bücher von Betroffenen. Hört den Betroffenen zu. Besucht Vorträge. Redet mit Menschen, die andere Erfahrungen haben. Es ist keine Schande, nicht alles zu wissen – aber es ist eine Schande, nichts zu lernen. Und wer sich nicht auskennt, kann immer noch sagen: „Ich weiß nicht genug, um hier eine qualifizierte Meinung zu haben, aber ich stehe an der Seite derer, die leiden.“ Das ist auch eine Positionierung und ein riesiger Fortschritt zu dem unsäglichen Diskurs, dem wir heute ausgesetzt sind.
Ein Vorschlag für einen neuen Umgangston: Streiten, aber solidarisch
Ein letzter Punkt, der mir wichtig ist. Wenn wir mehr Mut fordern, müssen wir auch mehr Fehlertoleranz zulassen. Wer sich äußert, wird Fehler machen, vielleicht ungeschickt formulieren. Möglicherweise verletzen wir jemanden, ohne es zu wollen. Das ist unvermeidlich. Die Kunst ist, damit umzugehen – ohne sofort mit dem virtuellen Fallbeil zu kommen. Die Cancel Culture, vor der sich viele fürchten, ist nicht nur eine Erfindung rechter Panikmacher, sie ist auch eine reale Erfahrung von Menschen, die sich zu weit vorgewagt haben, gerade wenn sie mit dem Leiden des palästinensischen Volkes solidarisch sind.
Also: Streiten wir. Aber solidarisch. Kritisieren wir, aber konstruktiv. Weisen wir auf Fehler hin, aber ohne gleich dem Menschen seine Existenzberechtigung zu entziehen. Die Autor:innen, die sich trauen und vorangehen, sollten unsere Unterstützung haben – nicht unsere Häme. Und wenn sie etwas falsch machen, dann sagen wir es ihnen ins Gesicht, nicht hinter ihrem Rücken. Das mag anstrengend und mühsam sein. Aber es ist die einzige Möglichkeit, eine Kultur des Mutes zu schaffen, statt der Kultur der Angst, in der wir gerade leben.
Vom Schweigen zum Sprechen – ein kleiner Schritt, aber ein wichtiger
Ich mache für heute Schluss. Meine Analyse war kritisch, vielleicht empfindest du sie sogar als hart. Das war meine Absicht, denn das Schweigen der deutschsprachigen Literaturszene ist ein fürchterliches Ärgernis. Es ist ein Ärgernis, weil diese Menschen die Sprache beherrschen, aber sie nicht nutzen. Es ist ein Ärgernis, weil sie privilegiert sind, aber die Privilegien nicht für die einsetzen, die keine haben. Es ist ein Ärgernis, weil sie sich als kritische Geister verstehen, aber bei den wirklich großen Themen wegschauen und dem Leid der Menschen ihre Empathie verweigern.
Aber ich will nicht nur klagen. Wir brauchen Lösungen. Und die sind da: Mehr Mut. Mehr Solidarität. Mehr kollektive Organisation. Mehr Bildung. Mehr Fehlertoleranz. Keine dieser Lösungen ist einfach. Keine davon ist über Nacht umsetzbar. Aber jede davon ist möglich, wenn wir es denn nur wollen.
Die gute Nachricht ist: Es muss nicht jede:r auf einmal. Eine Autorin oder ein Autor, die oder der heute einen kritischen Satz schreibt, ist eine:r mehr als gestern. Eine Gewerkschaft, die morgen eine klare Position bezieht, ist eine mehr als heute. Eine Lesung, die nächste Woche die schwierigen Themen anspricht, ist eine mehr als die, die sie vermeidet. Das sind kleine Schritte in die richtige Richtung.
Und nein, ich selbst bin alles andere als perfekt. Auch ich überlege, was ich wann, wo zu wem sage und schreibe, und glaub mir, ich habe seeehr lange überlegt, ob ich diesen Artikel nicht nur schreibe, sondern auch veröffentliche.
Ich schweige nicht zu dem Völkermord in Gaza, und das hat mich schon Aufträge und Buchungen gekostet, aber ich könnte noch viel mehr tun.
Ich habe also nicht nur für und an dich geschrieben, sondern auch für und an mich.
Wie sieht es bei dir aus? Zu welchen Themen schweigst du, obwohl du tief in dir weißt, dass du deine Stimme erheben solltest?
Du sollst dich nicht geißeln, sondern verstehen, wo du stehst und wofür du einstehst. Und dann überleg, ob und wie du nicht vielleicht doch etwas sagen könntest. Es muss kein lauter Schrei sein. Ein Flüstern reicht manchmal. Alles ist besser als Schweigen, denn Schweigen ist immer eine Unterstützung der Täter.
Bis bald – ich freue mich, gemeinsam mit dir lauter zu sein.
Tom
PS: Ein möglicher erster oder nächster Schritt für dich könnte sein, diesen Artikel zu teilen und so zu helfen die Mauer des Schweigens zu durchbrechen. <3
