Ein Thema, so schwer wie ein dicker Wälzer über Postmoderne, aber viel gewichtiger. Hier ist ein humorvoller, aber hoffentlich zum Nachdenken anregender Entwurf über ein Dilemma, das ich mit allen unabhängigen Autorinnen und Autoren teile, die ihre Bücher über Amazon veröffentlichen und mehr als nur Umsätze und Verkaufszahlen im Kopf haben.
Hilfe, mein Buch teilt ein Date mit dem Teufel! Oder: Wie verkaufe ich meine Seelen-Streifzüge, wenn der Ladenbesitzer ein Depp wird?
Stell dir vor: Du hast ein Jahr (oder drei) deines Lebens geopfert. Du hast geschwitzt, geflucht, geliebt und gelitten. Du hast Charaktere zum Leben erweckt, Handlungsstränge gesponnen, die komplizierter sind als die Beziehungsstatus-Updates deiner Facebook-Freunde, und Sätze so lange umgestellt, bis sie genau so klangen, wie die Stimme in deinem Kopf es wollte. Dein Baby, dein Meisterwerk, dein erster (oder fünfzehnter) Roman ist fertig. Ein Hochgefühl!
Und dann? Dann stellst du es ins Regal. Aber nicht in ein gemütliches, kleines Buchladen-Regal mit freundlicher Inhaberin, die nach Kaffee und Vergangenheit riecht. Sondern in das größte, seelenloseste Einkaufszentrum der Welt: Amazon.
Ja, ja, das gilt auch alles für dein Sachbuch, deinen Ratgeber in den du all deine Lebenserfahrung und dein Herzblut gesteckt hat.
Dort steht es nun, friedlich neben tausend anderen Büchern, und wartet auf Leser:innen. Und du freust dich, denn hey, Reichweite! Unschlagbar! Nur… hast du in letzter Zeit mal auf den Typen geachtet, dem das ganze Einkaufszentrum gehört? Dieser Jeff, dieser Bezos, der hat sich ja neuerdings einen komischen neuen Freund zugelegt. So einen mit orange-bräunlicher Haut, einer Vorliebe für rote Krawatten und einer Frisur, die aussieht wie ein nasser, wütender Chihuahua. Und dieser neue Freund, der Donald, und sein Hofstaat haben so ein paar ziemlich krude Ideen. Ideen, die vielleicht nicht so ganz mit dem übereinstimmen, was du in deinem Buch so zwischen den Zeilen stehen hast.
Wenn du dann noch an die unsagbare Melania „Biografie“ denkst …
Und plötzlich ist dieses wunderbare Gefühl, dieses Hochgefühl, weg. Und da ist nur noch diese eine, furchtbare Frage, die sich anfühlt, als würdest du mit der Zunge über Alufolie fahren:
Verdiene ich jetzt indirekt Geld mit Typen, die ich eigentlich am liebsten mit meinem Buch bewerfen würde?
Willkommen im Dilemma der Selfpublisher:innen im Jahre unserer Desorientierung 2026. Willkommen im Club derer, die sich fragen, ob der Kapitalismus nicht vielleicht doch ein paar blöde Nebenwirkungen hat, die in der Packungsbeilage nicht standen.
Die wirtschaftliche Realität: Oder „Mein Buch, die Cash-Cow und das schlechte Gewissen“
Lass uns mal Klartext reden, wir sind ja hier nicht im Philosophie-Seminar (das kommt später und woanders). Amazon ist kein Buchladen. Amazon ist eine Plattform, eine Logistikmaschine, eine Datenkrake mit angegliedertem Versandhandel. Und für uns Selfpublisher:innen ist es leider immer noch das Tor zur Welt. Wir reden hier von Größenordnungen: Der Amazonsche Buchmarkt-Anteil – gerade im Selfpublishing-Sektor – ist so hoch, dass wir dafür Sauerstoffflaschen brauchen. Wer da nicht mitmacht, verkauft seine Bücher halt am besten auf dem eigenen Blog gegen Spende von drei getrockneten Tomaten und einem netten Kommentar.
Natürlich bleibt immer noch die Möglichkeit Verwandte und Bekannte zu zwingen uns Geld für unsere Bücher zu geben …
Die Sache ist die: Jedes Buch, das du über Amazon verkaufst, bringt Jeff Bezos einen winzigen, für ihn mikroskopisch kleinen Cent-Betrag ein. Aber bei Millionen von Autoren und Milliarden von Büchern werden aus diesen Cent-Beträgen irgendwann Yachten, die so groß sind, dass sie versehentlich für eine Insel gehalten werden könnten. Und ein Teil dieser Kohle? Die fließt indirekt in die Taschen von Leuten, die eine Politik machen, die unsere offenen, zumindest a bisserl demokratischen Gesellschaften zerlegen will. Jeff und seine Tech-Buddies schmeißen sich ja geradezu auf die neue US-Regierung, als gäbe es morgen keine Steueroasen mehr. Sie wollen schließlich, dass die Regeln so geschrieben werden, dass sie noch mehr Kohle scheffeln können – Umwelt, Arbeiter:innenrechte, Frauenrechte, Demokratie? Alles Hindernisse, die man mit dem richtigen Freund im Weißen Haus sehr bequem aus dem Weg räumen kann.
Du willst das nicht unterstützen? Verständlich. Aber dein Buch von der Plattform zu nehmen, über die du den Großteil deiner Einnahmen lukrierst, fühlt sich an wie Selbstverstümmelung mit der Gießkanne. Du triffst damit vor allem dich selbst. Jeff wird nicht mal bemerken, ob du dein Buch weiter über Amazon veröffentlichst, oder auch nicht. Der ist zu beschäftigt damit, sich zu überlegen, ob er als nächstes den Mond kauft oder doch lieber a la Elon Musk Twitter in eine virtuelle Hate-Speech-Hölle verwandelt.
Die gesellschaftliche Verantwortung: Oder „Was sagt mein Buch dazu?“
Jetzt wird’s philosophisch, aber keine Sorge, ich mach’s kurz. Es geht nicht nur ums Geld. Es geht um Haltung. Dein Buch, dieser kleine Text, den du geschrieben hast, der ist nicht einfach nur ein Produkt. Er ist ein Statement. Selbst wenn es nur um sprechende Eichhörnchen in einer postapokalyptischen Welt oder das hundertaussendste Erlfolgs“Geheimnis“ geht – es ist DEIN Statement.
Und wenn du dieses Statement auf einer Plattform verkaufst, deren Besitzer aktiv daran arbeitet, die Welt für diese sprechenden Eichhörnchen unsicherer zu machen (indem er zum Beispiel den Wald, in dem sie leben, abholzen lässt, weil’s gerade profitabel ist), dann wirst du zum Teil des Problems. Du verleihst dem System, das du vielleicht in deinem Buch sogar kritisierst, deine Kreativität. Du bist genaugenommen der Lieferant für die geistige Nahrung, die auf einem Tisch serviert wird, der von Kettensägen-Millionären gezimmert wurde.
Das ist ein Scheißgefühl. Das ist, als würdest du Greenpeace-Mitglied werden und dann mit dem SUV von Tesla, gesponsert von Exxon, zu den Demos fahren. Irgendwie inkonsequent, oder?
Was also tun? Ein kleiner, unwissenschaftlicher Werkzeugkoffer für die verunsicherte Autor:innenseele
Bevor du jetzt verzweifelst und dein Manuskript als digitales Vögel-Origami faltest, hier ein paar Ideen, wie du mit dem Dilemma umgehen kannst. Perfekt ist keiner dieser Wege, die mir eingefallen sind, aber sie sind ein Anfang, um aktiv mit der Krise umzugehen:
- Realo: Akzeptiere, dass du im System gefangen bist. Aber sei ein schlechtes Zahnrad. Verdiene dein Geld, aber mach nebenbei aktiv Politik. Spende einen Teil deiner Einnahmen an Organisationen, die gegen genau diesen rechten Sumpf, gegen Rassismus, Zionismus und Kapitalismus kämpfen. Pro-Bono-Lektorat für antiimperialistische Gruppen? Eine tolle Idee! So machst du aus deinem schlechten Gewissen einen kleinen Hebel.
- Diversifikator;in: Streu deine Bücher wie wild! Es gibt doch noch andere Plattformen! Ja, die sind kleiner, ja, die sind unbequemer und du musst mehrere Dashboards betreuen. Aber vielleicht ist es ja ganz angenehm, in einer Nische zu sitzen, in der der Besitzer:innen nicht gerade mit einer Space-Rakete auf eine frauenfeindliche Party fliegt. Schau dir Alternativen an – vielleicht ist der lokale Buchhandel ja doch nicht ganz tot, sondern nur im Koma und freut sich über eine Zusammenarbeit. Ja – auch die anderen Buchportale sind profitgetrieben, aber darum geht es hier gerade nicht.
- Subversiv: Nutze Amazon, aber nutze es gegen sich. Schreib ein Buch über einen klugen, weisen, gutaussehenden und absolut bescheidenen Tech-Milliardär, der erkennt, dass Geld nicht glücklich macht, und der sein ganzes Vermögen für den Aufbau einer basisdemokratischen Utopie spendet. Oder schreib einen Wirtschaftsthriller, in dem der Bösewicht ein Plattform-Betreiber ist, der die Weltherrschaft an sich reißen will, indem er alle Bücher mit einer kostenlosen, superschnellen Lieferoption erpresst. Wenn schon Kollaboration, dann wenigstens mit einem Augenzwinkern.
- Dialektik: Mein Spezialgebiet! Sieh es als Widerspruch, den es auszuhalten und zu nutzen gilt. Ja, du bist Teil des Systems. Aber indem du deine Bücher veröffentlichst, verbreitest du Ideen. Und Ideen, mein Freund, sind stärker als jede Lieferkette. Vielleicht ist dein Buch ja genau das eine, das bei jemandem einen Knoten platzen lässt, der oder die dann vielleicht selbst anfängt, kritisch über all das nachzudenken. Vielleicht erzeugst du so eine kleine Gegenöffentlichkeit mitten im Ozean der Kommerz-Scheiße. Vielleicht ist der Widerspruch, in diesem System zu publizieren, der erste Schritt, es zu überwinden? Tief, ich weiß. Aber vielleicht ist es das ja wert.
Fazit: Mach’s wie dein Buch: Bleib in Bewegung
Es gibt keine perfekte Lösung. Wir leben in keiner perfekten Welt. Jeff Bezos wird nicht aufwachen und denken: „Oh, wenn ich mir diesen einen Krimi von Frau Müller aus Köln nicht mehr in mein Regal stelle, dann ist vielleicht doch was faul an meiner Kumpanei mit Trump.“ Nein, das wird er nicht.
Aber wir können trotzdem handeln. Wir können uns entscheiden, nicht wegzusehen. Wir können uns fragen: Was will ich mit meinem Schreiben erreichen? Will ich einfach nur Geld verdienen, oder will ich vielleicht doch ein klitzekleines bisschen die Welt verändern? Und wenn Letzteres, dann muss ich vielleicht ein paar unbequeme Wege gehen.
Also, Kopf hoch, Feder (oder Tastatur) in die Hand und los! Die Welt ist scheiße, aber dein Buch ist gut. Und vielleicht ist das ja der Anfang von etwas. Oder zumindest ein guter Grund, weiterzumachen.
Denn nur, wenn wir immer weitergehen können wir Antworten finden auf die neuen Fragen, die Tag für Tag an uns gestellt werden – und vielleicht sogar auf die Fragen, die wir uns selbst stellen.
Wie stehst du zu diesen Fragen? Welchen Weg hast du für dich und deine Bücher eingeschlagen?
Welche kreativen Ideen hast du für uns?
